Gaussian Splatting: Wenn fotorealistisches 3D Standard wird

, Alexander El-Meligi

Gaussian Splatting: Wenn fotorealistisches 3D Standard wird
Bild: 4DV.ai (Screenshot einer 4D-Gaussian-Splatting-Szene)

Gaussian Splatting ist ein Verfahren, das aus Fotos oder Videos fotorealistische 3D-Szenen erzeugt. 2026 wird es Teil der großen 3D-Standards glTF und OpenUSD, und mit 4D Gaussian Splatting kommt die Zeit als Dimension dazu. Damit ist fotorealistisches 3D auf dem Weg vom beeindruckenden Effekt zu einem Medium, das sich so einfach teilen lässt wie ein Bild.

Realität in 3D erfassen

Gaussian Splatting ist eine Technologie, die ich gerade sehr genau beobachte. Die Qualität ist inzwischen wirklich beeindruckend. Ob ein Industriegelände oder etwas so Kleines wie die Oberfläche einer Erdbeere: Realität lässt sich fotorealistisch und mit enormem Detailgrad in 3D erfassen.

Anders als klassische 3D-Modelle beschreibt ein Splat eine Szene nicht über Dreiecke, sondern über eine große Zahl kleiner, halbtransparenter Elemente mit Position, Größe, Ausrichtung und Farbe. Das Ergebnis fühlt sich an wie ein Foto, in dem man sich bewegen kann.

Standards machen es alltäglich

Noch interessanter finde ich, was rund um die Technologie passiert. Die Khronos Group, das Konsortium hinter verbreiteten 3D-Standards wie glTF, hat im Februar 2026 eine Erweiterung vorgestellt, mit der sich Gaussian Splats direkt in glTF speichern lassen. Sie liegt als Release Candidate vor, die letzte Stufe vor der offiziellen Aufnahme in den Standard. Engines wie CesiumJS, Babylon.js und PlayCanvas unterstützen sie bereits.

Und es ist nicht nur glTF. Auch OpenUSD, der zweite große Standard für den Austausch von 3D-Daten, unterstützt Splats nativ, und beide Seiten achten bewusst darauf, dass dieselbe Aufnahme nicht an einen Standard gebunden bleibt. Ich habe gelernt, genau hinzusehen, wenn sich Standards bewegen. Das ist meist der Moment, in dem eine Technologie aufhört, Demo zu sein, und anfängt, Infrastruktur zu werden.

Die vierte Dimension: Zeit

4D Gaussian Splatting ergänzt, was statischen Splats fehlte: Zeit. Die Szene existiert nicht nur, sie läuft ab. Eine Person dreht sich, Stoff schwingt, ein Hund läuft durchs Bild, und man wählt den Blickwinkel, während es passiert. Kein Video, das man anschaut, sondern ein Moment, den man betritt.

Dass das mehr ist als eine Labor-Demo, zeigte die NAB im Frühjahr 2026. Dort wurden Live-Szenen mit Rigs aus rund sechzig Kameras in Echtzeit rekonstruiert und direkt in VR gezeigt. Neuere Verfahren verfolgen die Szene durchgehend über die Zeit, was weniger Flimmern und praktisch unbegrenzte Zeitlupe ermöglicht. Die Einstiegshürde sinkt gerade so, wie sie es bei statischen Splats getan hat.

Was das für Marken heißt

Spannend wird es dort, wo es über die 3D-Community hinausgeht. Einen Gebrauchtwagen vor dem Kauf aus jedem Winkel prüfen, ein Produkt erkunden, fast als stünde es vor einem, oder einen Ort so wiederbesuchen, dass es sich näher anfühlt als jedes Foto. Mit 4D kommen Momente dazu: eine Produktpremiere aus jedem Winkel oder ein Konzert aus der ersten Reihe.

Die Fotografie hat festgehalten, wie ein Moment aussah, das Video, wie er sich entfaltet hat. Volumetrische Aufnahmen halten fest, wie es war, dort zu stehen. Auf dem Smartphone ist das ein netter Effekt, in einem Headset wird es zu Präsenz. Volumetrische Erinnerungen könnten genau der Grund sein, auf den Headsets gewartet haben.

Aus unserer Arbeit

Mit unserem 3D Product Explorer zeigen wir erklärungsbedürftige Produkte interaktiv und fotorealistisch auf der Website, im Showroom und per AR. Die Modelle entstehen aus CAD-Daten, aus Fotos oder direkt am Produkt. Je einfacher sich fotorealistische Aufnahmen austauschen lassen, desto interessanter wird diese Erfassung direkt am Objekt.

Vom Effekt zum Medium

Ganz am Ziel sind wir noch nicht. Für die Kompression gibt es noch keinen gemeinsamen Standard, das Streaming großer Szenen auf Mobilgeräte bleibt eine Herausforderung, und 4D-Aufnahmen brauchen weiterhin aufwendige Hardware. Aber die Richtung ist klar: Sobald sich fotorealistisches 3D so einfach teilen lässt wie ein Bild, wird es vom beeindruckenden Effekt zum Alltagsmedium.

Wir haben ein Jahrhundert lang festgehalten, wie Dinge aussahen. Als Nächstes halten wir fest, wie es sich anfühlte, dabei zu sein. Wie wir solche Erlebnisse umsetzen, zeigen wir unter Virtual Reality.